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Wissenschaft

Die Verbreitung von Desinformation

2022-11-05 09:25:05
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Quelle: Science Media Center Deutschland

Desinformation ist ein fast allgegenwärtiges Thema, das aber gerade im Kontext von Wahlen wie der bevorstehenden Zwischenwahl in den USA, aber auch in Zeiten von Konflikten wie dem Ukrainekrieg besondere Aufmerksamkeit erfährt, wie das Science Media Center Deutschland schildert.

Doch die öffentliche Wahrnehmung scheint manchmal nicht dem wissenschaftlichen Konsens zu entsprechen – insbesondere was Verbreitung und potenzielle Gefahr von Desinformation angeht.Um beurteilen zu können, welchen Einfluss Desinformation haben kann, sei es aber wichtig, zu wissen, wie weit Desinformation überhaupt verbreitet ist. Wie viele Menschen seien wirklich desinformierenden Beiträgen ausgesetzt? Wie viele setzen sich mit ihnen auseinander? Unter anderem diese Fragen beschäftigen die Forschung.Dabei sei es für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Disziplin ein Problem, dass wichtige Fragen – zum Beispiel welchen Einfluss Desinformation auf vergangene US-Präsidentschaftswahlen gehabt habe – kaum zu beantworten sind.

In den meisten Fällen sei es nicht möglich, herauszufinden, welche Rolle ein bestimmter Faktor unter vielen bei der Entscheidungsfindung einer Person gespielt hat. Hinzu kommt, dass viele nötige Daten oft schwer zugänglich seien und das Forschungsfeld sich gerade seit 2016 stark verändert und auch vergrößert hat.Doch zu einigen Forschungsfragen zeichnet sich ein wissenschaftlicher Konsens ab.

Zur Verbreitung von Desinformation, aber auch zu möglichen Gegenmaßnahmen, können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Tragweite bis zu einem gewissen Grad mittlerweile gut einschätzen. Aus diesem Grund haben wir Forschende gebeten, Fragen zum Stand der Forschung zur Verbreitung von Desinformation und zur Größe des Problems zu beantworten.Prof.

Doktor Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement, Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität LeipzigDr. Lena Frischlich, Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpsychologin, Institut für Kommunikationswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität MünsterProf.

Doktor Axel Bruns, Professor für Medien- und Kommunikationsforschung, Digital Media Research Centre, Queensland University of Technology, AustralienDr. Philipp Müller, Akademischer Rat am Institut für Medien- und Kommunikations­wissenschaft, Universität MannheimProf.

Doktor Christian Hoffmann„Lange wurde unter Desinformation der Versuch ausländischer Mächte verstanden, mittels der gezielten Verbreitung falscher oder verzerrter Informationen in die politischen Prozesse eines Landes einzugreifen. Heute sei unser Verständnis von Desinformation deutlich breiter, es schließt auch die Kommunikation inländischer Akteure ein.

Üblich sei heute, dass mit Desinformation die bewusste Verbreitung falscher oder irreführender Information gemeint ist. Es zählt also das Bewusstsein und die Absicht des Absenders.

Das landläufige Verständnis von Desinformation sei sehr diffus, viele Bürger bezeichnen Inhalte, die sie nicht glauben oder die sie als irritierend empfinden, schon als ‚Desinformation‘. Darum seien Umfragen wenig aussagekräftig, die Bürger einfach danach fragen, ob sie ‚Desinformation‘ gesehen haben.“  Dr.

Lena Frischlich„Desinformationen beschreibt die absichtsvolle, strategische Verbreitung von Informationen mit Täuschungsabsicht. Damit unterscheiden sich Desinformationen von irreführenden Misinformationen, die unabsichtlich verbreitet werden.

Allerdings könne die Frage nach der Absicht schnell kompliziert werden – etwa, wenn jemand wohlmeinend in der Familiengruppe Desinformationen teilt. Manche Autor:innen nutzen daher den Begriff ‚Misinformation‘ als Überbegriff für verzerrte Informationen, die mit verschiedenen Absichten verbreitet werden.“„Nachrichtennutzende verstehen die Komplexität des Phänomens durchaus.

Sie fassen darunter einer Studie aus Großbritannien zufolge aber auch Phänomene wie journalistisches Clickbaiting mit irreführenden Schlagzeilen, ideologische Differenzen in den Medien verschiedener Länder sowie Täuschungen durch Politiker:innen [1]. Das zeigt, wie schwer das Phänomen zu fassen ist.

Allerdings neigen Menschen dazu, Informationen ihrer ‚eigenen‘ Seite weniger schnell als irreführend einzuschätzen als die Informationen ‚der anderen‘ [2].“  Prof. Doktor Axel Bruns„Zentral beschreibt Desinformation die gezielte Veröffentlichung oder Weiterleitung von Falschinformationen in vollem Bewusstsein dessen, dass die Informationen falsch seien – also faktisch inkorrekt oder zumindest stark verzerrt dargestellt.

Das könne aus innenpolitischen, geopolitischen, ideologischen oder auch kommerziellen Interessen erfolgen. Allerdings werde der Begriff Desinformation häufig auch mit Misinformation verwechselt – dem gutgläubigen Weiterleiten von Falschinformationen in der Annahme, dass diese korrekt seien – und darüber hinaus mitunter auch noch mit ‚Fake News‘ gleichgesetzt.

‚Fake News‘ allerdings werde in so vielen unterschiedlichen Kontexten benutzt, dass der Begriff sich für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Problem der Desinformation überhaupt nicht mehr nutzen lässt. In der Wissenschaft werde ‚Fake News‘ daher meist nur noch in Anführungszeichen benutzt.“  Dr.

Philipp Müller„In der sozialwissenschaftlichen Forschung habe es sich eingebürgert, die Begriffe Misinformation und Desinformation zu unterscheiden. Der Definition der Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin Claire Wardle folgend, werden unter Misinformation falsche Informationen verstanden, unabhängig vom Vorliegen einer Täuschungsabsicht – wohingegen bei Desinformation eine Täuschungsabsicht gegeben sein muss.“„Das Vorliegen einer Täuschungsabsicht scheint mir auch bei der landläufigen Verwendung des Begriffs Desinformation in der Regel mitzuschwingen.

Eine größere Diskrepanz zwischen dem wissenschaftlichen und dem außer-wissenschaftlichen Diskurs liegt meines Eindrucks nach in der Gleichsetzung von Desinformation und ‚Fake News‘ im allgemeinen Verständnis. Hier sei insbesondere der zweite Begriffsteil – also ‚News‘ – interessant: Er unterstellt, dass absichtliche Falschinformationen vor allem von echten oder vermeintlichen Nachrichtenmedien verbreitet würden.

Dies gibt der Forschungsstand jedoch nicht her.“  Prof. Doktor Christian Hoffmann„Studien, die das Informationsverhalten von Bürgern analysieren, finden, dass nur ein winziger Anteil dessen, was sie im Internet sehen, als Desinformation betrachtet werden kann.

Wir sprechen hier von deutlich weniger als einem Prozent. Das liegt einerseits daran, dass die meisten betrachteten Inhalte nichts mit Nachrichten oder Politik zu tun haben.

Andererseits überwiegen aber auch bei den betrachteten Nachrichten seriöse Quellen die unseriösen bei Weitem. Kurz gesagt: Gute Information sei deutlich weiter verbreitet als schlechte.

So gesehen sei die Verbreitung von Desinformation gering, sogar sehr gering.“„Hinzu kommt, dass die meisten Bürger Social Media nicht als vertrauenswürdige Informationsquelle betrachten. Diese Skepsis gegenüber Informationen auf Social-Media-Plattformen sei sehr groß, selbst wenn die Informationen eigentlich aus einer seriösen Quelle stammen.

Im Kontext der Pandemie konnten wir beobachten, wie sich die Bürger vor allem etablierten, seriösen Medien zugewandt haben.“„Desinformation sei sehr ungleich verbreitet: Es sei eine kleine Minderheit der Internetnutzer, die sehr viel Desinformation sieht und auch selbst verbreitet. Das sei häufig politisch motiviert, weil mit Desinformation das politische Gegenüber angegriffen werden soll.

Es sei eine Herausforderung für die Forschung, besser zu verstehen, warum und wie solche Nischen mit einem hohen Grad unzuverlässiger Information entstehen.“  Dr. Lena Frischlich„Befragungsstudien zeigen, dass ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland inzwischen Erfahrungen mit Inhalten hat, die dem aktuellen Wissensstand widersprechen.

Zum Beispiel erinnern sich 49 Prozent der Erwachsenen in Deutschland an Posts, die den menschengemachten Klimawandel als Falschmeldung darstellen [3] – obwohl der wissenschaftliche Konsens da eindeutig ist. Auch unter den 12- bis 19-Jährigen geben 42 Prozent an, dass sie im letzten Monat ‚Fake News‘ gesehen hätten [4].“„Allerdings fehlt der Zugang zu Plattformdaten, um umfassend untersuchen zu können, wie die Prävalenz von Desinformationen zum Beispiel bei Tiktok oder Youtube aussieht.

Generell könne man aber sagen, dass unterschiedliche Kanäle in einem unterschiedlichen Ausmaß von Desinformationen betroffen sind. Webseiten, die besonders viele nicht vertrauenswürdige Inhalte verbreiten, werden Trackingstudien aus den USA zufolge aber nur von einer Minderheit genutzt [5].“  Dr.

Philipp Müller„Relativ sicher lasse sich sagen, dass Desinformation im engeren Sinne von ‚Fake News‘, also bewusst gestreute Falschmeldungen, die von ihrer Aufmachung als Nachrichteninhalte ‚verkleidet‘ wurden, kein Hauptproblem unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Debattenführung darstellen. Inhaltsanalysen deutschsprachiger Alternativmedien, die potenzielle Kandidaten für die Verbreitung von Desinformation wären, zeigen, dass diese kaum nachprüfbare falsche Tatsachenbehauptungen enthalten, sondern eher mit Verschwörungserzählungen und anderen nicht überprüfbaren Unterstellungen arbeiten.

Aufgrund mangelnder Überprüfbarkeit lasse sich hier nicht von Desinformation sprechen. Und selbst deren Reichweite muss man einschränken: Lediglich rund 15 Prozent der deutschen Internet-Nutzer:innen besuchen überhaupt je die Websites solcher Alternativmedien, und die allermeisten davon nur sehr selten [17].“„Strategische Lügen in einem weiteren Sinne seien hingegen seit jeher Bestandteil strategischer Kommunikation und werden von gesellschaftlichen Akteuren jedweder Couleur eingesetzt.

Hierzu zählt eine breite Palette von Botschaften, über erfundene Einzelfalldarstellungen vermeintlich schwerer Nebenwirkungen in Telegram-Gruppen von Impfgegner:innen bis hin zu gefälschten Abgaswerten oder Unternehmensbilanzen wie beim VW-Diesel-Skandal oder im Fall Wirecard. All dies muss prinzipiell unter Desinformation verstanden werden, auch wenn es im Einzelfall gar nicht so einfach ist, eine Täuschungsabsicht nachzuweisen.

Insofern ließe sich argumentieren, dass nahezu alle Menschen in großer Regelmäßigkeit mit Desinformation konfrontiert sind, die sich oft erst im Nachhinein – oder nie – als solche offenbart. Ein verengtes Begriffsverständnis, das Desinformation mit gefälschten nachrichtenähnlichen Inhalten gleichsetzt, verengt hier einerseits unzulässigerweise den Blick, sodass Akteure zum Beispiel aus den Bereichen Politik und Wirtschaft weniger im Verdacht stehen, Falschinformationen zu verbreiten [18].

Andererseits diskreditiert es – zum Teil zu Unrecht – den Journalismus, in dem es prinzipiell starke Anreizstrukturen gibt, wahre Informationen zu verbreiten.“  Prof. Doktor Christian Hoffmann„Das sei schwierig zu beurteilen, weil die Forschung zu Desinformation, wie wir sie heute verstehen, erst seit 2016 stark zugenommen hat.

Nur wenige Studien erfassen wirklich die Verbreitung von Desinformation, weil das methodisch sehr anspruchsvoll ist. Wir wissen vor allem, dass Medien, Forschung, Politik und Bürger sich heute sehr viel mehr mit Desinformation befassen als noch vor fünf Jahren.

Ausgelöst wurde das durch die Wahl Donald Trumps und den Brexit.“„Tatsächlich zeigt die Forschung bisher, dass die USA unter den westlichen Ländern eher eine Ausnahme darstellen. Das Land sei medial und politisch relativ polarisiert.

Das macht es anfälliger für Desinformation. Eine ganz zentrale Rolle bei der Verbreitung von Desinformation spielen gesellschaftliche Eliten – Journalisten, Politiker.

In den medial und politisch polarisierten USA seien es vor allem solche Repräsentanten etablierter Institutionen, die Desinformation eine hohe Reichweite geben. In Europa dagegen erweisen sich Politik und Medien als deutlich weniger anfällig.

Die meisten europäischen Studien zeigen eine geringe Verbreitung von Desinformation und kaum oder gar keine nachweisbaren Wirkungen.“  Dr. Lena Frischlich„Aufgrund des fehlenden Datenzugangs sei es sehr schwer, zuverlässige Aussagen über eine ‚Zunahme‘ an Desinformationen zu treffen.

Das hängt immer auch stark vom Kontext ab und natürlich davon, wie man Desinformationen genau definiert. Klar sei aber schon seit den 40er-Jahren, dass Krisen wie Kriege und Pandemien – also das, was wir derzeit am laufenden Band auch hier in Deutschland wahrnehmen – der Humus sind, auf dem Gerüchte, Falschmeldungen und eben auch Desinformationen gedeihen [6].

Zudem sind, nicht zuletzt durch die Maßnahmen zur Einschränkung der COVID-19-Pandemie, immer mehr Menschen online – dadurch steigt das Risiko, auf Fehlinformationen zu treffen.“Dr. Philipp Müller„Es sei sicherlich so, dass Social-Media-Plattformen und Messaging-Dienste die Verbreitung von Botschaften in den letzten Jahren weltweit wesentlich erleichtert haben, insbesondere für nicht-etablierte Akteure, die zuvor kaum Gehör gefunden hätten.

Die Digitalisierung und das Web 2.0 ermöglichen es zum Beispiel ausländischer Propaganda aber auch kleineren Aktivist:innen-Gruppen mit Ihren Botschaften bisweilen in die zentralen Arenen eines gesellschaftlichen Diskurses vorzudringen, so auch in Deutschland. Dies habe sicherlich zu einer erhöhten Sichtbarkeit heterodoxer Argumente beigetragen – und bedeutet gleichzeitig auch, dass Desinformation, die von solchen nicht-etablierten Urheber:innen gestreut wird, leichter auffindbar sei als vor zehn oder 20 Jahren und potenziell höhere Verbreitung erfährt.

Gleichzeitig habe die Digitalisierung auch eine ganze Reihe neuer Recherche-Möglichkeiten mit sich gebracht und damit die Chancen verbessert, dass Desinformation aufgedeckt wird. Man könne also sagen: Heute werden wahrscheinlich mehr falsche Informationen verbreitet als noch vor 20 Jahren, gleichzeitig sei es aber vermutlich auch schwerer geworden mit einer strategischen Lüge ‚durchzukommen‘, ohne entlarvt zu werden.“„Im Vergleich mit den USA erscheinen mir zwei Punkte wesentlich: Erstens haben die USA eine andere demokratische Kultur als Deutschland, insbesondere mit Blick auf die Wahlkampfführung.

Schon seit Jahrzehnten werden US-Wahlkämpfe wesentlich aggressiver und konfrontativer geführt als deutsche Wahlkämpfe. Dazu gehören auch persönliche Attacken gegen politische Gegner:innen und Falschbehauptungen.

Strategische Lügen seien dadurch in den USA wesentlich salonfähiger als in Deutschland und stoßen auf weniger Widerstand. Zweitens gibt es in den USA vermutlich tatsächlich eine stärkere Verbreitung von Desinformation in etablierten Medienkanälen als in Deutschland.

Dies habe mit der Organisation des Mediensystems zu tun. Im komplett privatwirtschaftlich organisierten Medienmarkt der USA fehlt zum Beispiel das Gegengewicht eines starken öffentlich-rechtlichen Angebots, das weniger dafür anfällig ist, Partikularinteressen zu bedienen.

Dadurch (und durch weitere Faktoren) sei das Mediensystem der USA wesentlich anfälliger für die Verbreitung von Desinformation als das deutsche [19].“  Prof. Doktor Christian Hoffmann„Es gibt Desinformation – aus dem In- und aus dem Ausland.

Aber es gibt keinen Anlass, unsere Demokratie dadurch als gefährdet zu betrachten. Selbst in den USA erlaubt die Studienlage bisher keine klare Aussage zur Auswirkung von Desinformation auf das politische System, was angesichts der Turbulenzen um Donald Trump überraschen mag.“„Im Kontext des Krieges in der Ukraine sei in Europa durchaus russische Desinformation zu beobachten.

Diese scheint allerdings bisher praktisch wirkungslos zu bleiben. Unser mediales und politisches System erweist sich als sehr widerstandsfähig.

Laut Umfragen haben viele Bürger Angst vor den Auswirkungen von Desinformation auf unsere Demokratie. Das sei kaum gerechtfertigt.

Die hohe mediale Aufmerksamkeit für das Thema scheint den Eindruck einer starken Gefährdung zu erwecken. Hier sei ein gesundes Maß im Umgang mit dem Thema noch nicht gefunden.“  Dr.

Lena Frischlich„Desinformationen seien meiner Meinung nach vor allem ein Problem, wenn es ihnen gelingt, an gesellschaftlichen Sollbruchstellen wie sozialer Ungleichheit, Polarisierung und Vertrauensverlusten anzusetzen. Gerade wenn dann noch ein verschwörungstheoretischer Spin dazu kommt, der zum Beispiel das Vertrauen in die Demokratie weiter erschüttert oder Intergruppenkonflikte anheizt, könne das Vorurteile fördern und den demokratischen Meinungsbildungsprozess erschweren [7] [8] [9].“„Die Idee, dass da eine Falschnachricht im Netz kursiert, und dann wählen die Leute plötzlich die Untergrund-Partei, sei aber unbegründet.

Eher handelt es sich um einen Tango, bei dem bestimmte Empfänglichkeiten aufseiten der Mediennutzenden auf bestimmte Angebote durch die Desinformationsagent:innen treffen und am Ende so etwas wie Vertrauensverluste, Marginalisierungserfahrungen, Ausgrenzung und so weiter verstärkt werden. Das seien alles Risikofaktoren für weitere Dinge, aber es muss eben schon viel passieren, damit (Des-)Informationen eine politische Schlagkraft entfalten.“„Aber: Wir alle können etwas tun, um widerstandsfähiger gegen Desinformationen zu werden.

Zum Beispiel könne man sich spielerisch mit typischen Techniken auseinandersetzen und so die geistige ‚Abwehr‘ stärken [10]. Man könne sich auch auf jeden Fall klarmachen, dass es wichtig ist, nur zutreffende Inhalte zu teilen und sich die Zeit nehmen, vor Klicks, Likes, und Shares einmal durchzuatmen [11].

Journalist:innen brauchen immer eine zweite Quelle, möglichst eine von der ersten unabhängige. Das könne man sich selbst ruhig auch gönnen.“Prof.

Doktor Axel Bruns„Zum einen werde die Verbreitung von Desinformation quantitativ teilweise doch recht stark überschätzt: Zwar seien solche Inhalte durchaus leicht zu finden, aber außerhalb der damit stark engagierten gesellschaftlichen Randgruppen kursieren sie deutlich weniger. Da gibt es mitunter das Problem, dass extreme Verhaltensmuster eben online wie offline meist deutlich sichtbarer seien als ‚normales‘, unproblematisches Nutzerverhalten.

Außerdem gab es in den letzten Jahren auch einige recht reißerisch aufbereitete Studien – wie zum Beispiel Vosoughi et al. 2018 in Science [16] –, die die Verbreitung von verifizierten Falschinformationen mit der Verbreitung von verifiziert korrekten Nachrichten verglichen und dabei fanden, dass Falschinformationen sich deutlich schneller verbreiten.

Das sei allerdings nicht weiter verwunderlich, weil es sich dabei um eine recht eng beschränkte Klasse von Inhalten handelt – sinnvoll wäre eher ein Vergleich der Verbreitung von Falschinformationen mit der Verbreitung von ‚normalen‘ Nachrichten, und dabei sei durchaus noch nicht klar, dass es da wirklich signifikante Unterschiede gäbe.“„Andererseits allerdings sei die Frage nach der Quantität an Desinformation auch nicht unbedingt die wichtigste: Mitunter reicht es schon, dass eine einzige Falschinformation ein größeres Publikum erreicht, um großen Schaden anzurichten. Und das sei natürlich auch der Ansatz vieler Desinformations-Akteure: viele Inhalte rauszuhauen in der Hoffnung, dass davon auch nur der eine oder andere viral geht und seinen Schaden anrichtet.

Insgesamt gibt es also viele Desinformationen mit sehr geringer Reichweite, und einige wenige mit großer Reichweite – und letztere seien das deutlich größere Problem.“  Dr. Philipp Müller„Zusammenfassend lasse sich sagen, dass die gegenwärtige gesellschaftliche Debatte das Problem Desinformation gleichzeitig überschätzt und unterschätzt.

Sie überschätzt die Gefahr, die von gefälschten Nachrichtenwebsites ausgeht, die im Internet vermeintlich zuhauf Falschmeldungen verbreiten und größere Nutzer:innen-Gruppen über Social-Media-Kanäle komplett in ihren Bann ziehen. Im gleichen Zuge unterschätzt sie durch diesen verrutschten Fokus das Ausmaß strategischer Fehlinformation in der alltäglichen Kommunikation (auch etablierter) gesellschaftlicher Akteure.

Eine wesentliche Schuld daran könne meiner Meinung nach der Vokabel ‚Fake News‘ zugeschrieben werden, die oft synonym zu Desinformation verwendet und gedacht wird, aber maßgeblich dazu beiträgt den Fokus auf die genannte Weise zu verschieben.“  Prof. Doktor Christian Hoffmann„Eine Daumenregel: Je aufsehenerregender eine Meldung zu Desinformation, desto wahrscheinlicher sei sie falsch.

Sensationalistische Meldungen rund um Desinformation erweisen sich meistens später als unzutreffend. Es werde hier viel Schindluder mit methodisch fragwürdigen Analysen betrieben.

Journalistinnen und Journalisten sollten die Qualität ihrer Quellen kritisch prüfen: Thinktanks und NGOs verbreiten leider oft unzutreffende, aber aufsehenerregende Thesen zum Thema Desinformation. Es sei sehr problematisch, wenn seriöse Medien dies dann verbreiten und dadurch glaubhaft machen.“„Eine zweite wichtige Daumenregel: Die USA seien nicht Europa.

Politische und mediale Entwicklungen in den USA können nicht eins zu eins auf Europa übertragen werden.“„Eine dritte Daumenregel: Nicht jede Desinformation muss berichtigt werden. Wenn Massenmedien eine Desinformation aufgreifen, um sie zu berichtigen, erhält die Desinformation dadurch oft erst eine viel größere Verbreitung als sie es vorher hatte.

Wie gesagt: Die allermeisten Bürger beziehen ihre Informationen aus seriösen Quellen.“  Dr. Lena Frischlich„Wichtig sei auch, sich vor Augen zu führen, dass man selbst der Sauerstoff der Aufmerksamkeit sei [12] – wenn das ,Morgenmagazin‘ einen Tweet teilt, erreicht das sehr sehr viel mehr Menschen, als ein Desinformationsaccount, der vor sich hin twittert.

Twitter sei in Deutschland kein Massenmedium. Unsere Auswertung der journalistischen Berichterstattung zeigt, dass teilweise prominente Verschwörungsideologen – die damit nicht zuletzt Geld verdienen – mehr thematisiert wurden als die politische Opposition [13].“„Wichtig wäre auch, sich selbst für typische Manipulationsversuche zu sensibilisieren und die Strategien offenzulegen.

Auch habe sich die Sorge, dass die Widerlegung von Fehlinformationen einen Bumerang-Effekt entwickeln könnte, größtenteils als unbegründet erwiesen [14] – allerdings müssen sie gut gemacht sein. Hier gibt zum Beispiel das Debunking Handbook hilfreiche Tipps [15].“  Prof.

Doktor Axel Bruns„Am wichtigsten sei es natürlich, durch die Berichterstattung nicht noch bei der Verbreitung von Desinformation zu helfen. Das heißt dann zum Beispiel, Desinformation mit geringer Reichweite großenteils zu ignorieren, weil selbst Kritik daran die Sichtbarkeit deutlich erhöhen kann; Desinformation mit größerer Reichweite so zu thematisieren, dass die genauen Inhalte und Akteure eher unklar bleiben und den verifizierbaren Informationen und Fact-Checks der Großteil der Aufmerksamkeit gilt; Desinformationsakteure nicht so ins Rampenlicht zu stellen, dass sie sich dadurch in ihrem Tun validiert und ermutigt fühlen; und natürlich auf gar keinen Fall spezifische Desinformationsinhalte so in die Berichterstattung aufzunehmen, dass sie dadurch noch sichtbarer werden.

Besonders Letzteres sollte sich eigentlich von selbst verstehen, aber leider sehen wir immer wieder Berichte, die zum Beispiel Screenshots von Social-Media-Posts, Bildern oder Videos beinhalten oder solche Inhalte sogar funktionsfähig in Online-Artikel einbetten. Das ermöglicht es dem Publikum dann leider, diese Inhalte selbst sehr leicht zu finden und eventuell diesen Accounts und Kanälen direkt zu folgen.

Sowas passiert übrigens besonders häufig in den Boulevard- und Entertainmentmedien, wo beispielsweise die Aussagen von Prominenten zu irgendwelchen Verschwörungstheorien meist eher als lustige Stories aufbereitet werden, ohne gleichzeitig auch den darin enthaltenen Falschinformationen zu begegnen.“  Dr. Philipp Müller„Meine Empfehlung wäre insbesondere, Begriffe wie ‚Fake News‘ weitestgehend aus der Berichterstattung zu verbannen, insbesondere wenn sie verwendet werden, um Falschaussagen zu bezeichnen, die gar nicht die Anmutung von Nachrichtenbeiträgen haben.

Durch die unkritische Verwendung derartiger Begriffe schadet die journalistische Berichterstattung letztlich unnötigerweise dem Image der eigenen Profession [20].“„Zudem möchte ich empfehlen, Desinformations-Inhalten, die in abseitigen Bereichen des Internets kursieren, keine allzu große Aufmerksamkeit zu schenken, um nicht Gefahr zu laufen, Continued-Influence- [21] oder Backfire-Effekte [22] zu erzeugen. Stattdessen sollte der Journalismus sich primär mit reichweitenstarken strategischen Fehlinformationen auseinandersetzen, die in der Regel von bekannten und etablierten Akteuren verbreitet werden.

Diese sollten nicht unwidersprochen im Raum stehen bleiben, sondern – wo möglich – durch Recherche entkräftet werden. Hierbei handelt es sich um die klassische Kritik-und-Kontroll-Funktion des Journalismus, deren Erfüllung den Journalismus so wertvoll für die Gesellschaft macht.“  Prof.

Doktor Christian Hoffmann: „Interessenkonflikte bestehen nicht.“Dr. Philipp Müller: „Keine.“[1] Kyriakidou M et al.

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